Was Jana half, mit dem plötzlichen Verlust ihres Vater umzugehen

Geschrieben von Halbtagspilgerin Jana Wieduwilt

Auf dem Gipfel des Glücks

Am Mittwoch, dem 22. April 1987 um 16.50 Uhr hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben bei einer Verlosung etwas gewonnen. 50 Mark, ziemlich viel Geld für eine 15-Jährige. Während ich freudestrahlend in der Schulturnhalle tanzte, geschah das, was mein Leben aus den Angeln heben sollte. Es war Schuldisco, ich war in der 9. Klasse und gerade dabei, meinem Schwarm ordentlich auf die Pelle zu rücken. Weil ich jetzt erstmals auf der Bühne gestanden hatte, weil ich eben jene 50 Mark gewonnen hatte, nahm er mich endlich mal wahr. Ich war auf dem Gipfel des Glücks.

Nichts war mehr wie vorher

Auf einmal: Ansage von dem DJ, ich solle vor die Turnhalle kommen, da werde ich erwartet. Da standen zwei Männer: mein Schulleiter und ein dicker Mann im Blaumann. Sie schauten betreten. Und ich scannte kurz in meinem Kopf, ob ich was angestellt haben könnte. Den Dicken kannte ich nicht. Ich hatte ihn noch nie im Leben gesehen. Er kam dicht an mich heran und sagte: „Jana?“

Der plötzliche Tod meines Vaters

„Jaa“, sagte ich schnippisch, denn mich nervte, dass mir die beiden die Tour mit meinem zukünftigen Schatz versauten.
„Jana, dein Vati ist gerade …… gestorben. Mein Beileid.“
Ich stand. Über mir öffnete sich der Himmel. Unter mir die Hölle. Ich stand. Wie ein Stein. Ich verstand nichts. Aber ich fühlte, dass ich soeben, um 17.23 Uhr, erwachsen geworden war.

Eine Bleischwere über der Familie

Als ich nach Hause kam, saß meine Familie in der großen Küche meiner Oma. Heulend. Ich setzte mich still dazu. Meine Mutti war untröstlich. Eine Art Bleischwere legte sich über den Rest unserer Familie. Sie machte die Erwachsenen bewegungsunfähig. Mein Vater war gerade vor ein paar Tagen 44 Jahre alt geworden. Er ist an Herzinfarkt gestorben und alle Wiederbelebungsversuche waren erfolglos. Meine kleine Schwester war damals 9 Jahre alt. Es musste weitergehen. Ich übernahm aus irgendeinem Grund die Verantwortung für sie und für mich. Ich kümmerte mich um das Abendessen, die Hausaufgaben und alles, was noch so anfiel.

Zum Trauern war kein Raum und keine Zeit

Genau 31 Jahre habe ich der Trauer keinen Raum gegeben. Ich war unterschwellig so sauer auf meinen Vater, weil er sich so einfach vom Acker gemacht hatte. Wir waren noch nicht fertig gewesen miteinander. Ich hatte keinen Draht mehr. Zu anderen Verstorbenen meiner Familie schon. Zu ihm nicht.

Die Wendung auf dem Jakobsweg: Ich lernte, zu trauern

Ich war inzwischen 40 Jahre alt und spürte, wie wenig Zeit ich mir bisher zum Trauern genommen hatte. Also machte ich mich auf, um den Jakobsweg zu laufen und den Tod meines Vaters zu verarbeiten. Ich war 3,5 Wochen unterwegs und saß an jenem Tag in der Kirche in Logroño in Spanien.  Ich hatte mir nichts weiter dabei gedacht, sondern wollte mich dort nur aufwärmen und beten.

Da kam an diesem trüben Tag ein Lichtstrahl so in die Kirche, dass er auf den prunkvollen Altar fiel. Er fiel genau auf einen Engel, den ich vorher gar nicht so genau beachtet hatte. Dieser Engel, du ahnst es, sah aus wie mein Vater als Kind. Ich weinte, weinte, weinte. Stundenlang. Endlich hatte ich die Trauer zugelassen. Als ich spät abends aus der Kirche kam, spürte ich meinen Vater neben mir. Ich hatte ihn gefunden und ihm verziehen. Von seinen Kindern war ich das Kind, das am längsten mit ihm zusammen sein durfte. Ich bin also ein Glückskind.

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Meine neue Lebensaufgabe

Die verdrängte Trauer um meinen Vater war der Grund, warum ich auf dem Jakobsweg war. Und dabei fand ich meine Lebensaufgabe: Halbtagspilgern als Lebensprinzip. Darin geht es darum, jeden Tag Achtsamkeit in meinen Alltag als Unternehmerin, Mutter und Geliebte einzubringen.

Für dich: Meine 4 Methoden mit Verlusten umzugehen

1. Meditieren

Ich meditiere frei. Angeleitete Meditationen mache ich nicht mehr, seit ich in Thailand im Schweigeretreat war. Dort habe ich gelernt, mich durch meinen Atem und das Geschehen-Lassen ganz auf mich selbst zu besinnen. Meist hole ich drei-, viermal tief Luft, atme langsam aus und bleibe dann dabei, meinen Atem zu beobachten. Dabei hilft mir, genau auf meine Bauchdecke zu achten, wie sie sich hebt und senkt. Je nach Tagesstimmung nutze ich ein Mantra, das sind Silben, die du im Rhythmus deines Atems immer wieder wiederholst. So zum Beispiel: Lass los”. “Lass” sage ich dann beim Ein- und “los” beim Ausatmen. Manchmal sage ich auch Dan-ke”. Das mache ich 20 Minuten, nicht jeden Tag, aber oft. Danach fühle ich mich, wie von innen gewaschmaschint.

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2. Pilgern

Das mache ich jeden Tag. Egal wo ich bin, ich starte den Tag mit einem Pilgerspaziergang im flotten Tempo. Ich lasse mich bewusst ein, auf die Langsamkeit des Pilgerns und genieße die Natur. Dabei kann ich in Ruhe denken. Meistens durchdenke ich die vergangenen Tage und plane meinen heutigen Tag. Im Gehen wird der Geist bewegt und es entstehen wundervolle Dinge. Meist sind es Pilgerrundgänge, die mich zum Ausgangspunkt zurück führen, einfach aus praktischen Gründen. Danach fühle ich mich so fit und kraftvoll. Ich tue es jeden Tag, egal, welches Wetter ist.

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Pilgern ist Meditieren mit den Füßen – Jana Wieduwilt

3. Schweigen

Hast du schon einmal geschwiegen? Nicht, weil du musstest, z.B. weil jemand anderes gerade redet, sondern weil du wolltest? Wenn du schweigst, musst du nichts darstellen. Du musst nichts. Du bist einfach. Als ich das in einem Schweigeretreat in Asien entdeckte, wusste ich, dass Schweigen meine wahre Natur ist. Schweigend kannst du erst hören. Dein Herz zum Beispiel. Du bist. Nicht wer oder was. Du bist. Und das ist gut. Probiere es mal aus. Für eine halbe Stunde bewusst zu schweigen. Da steckt eine riesige Kraft drin. Aus dem Schweigen entstehen meine Bücher und meine Blogtexte.

4. Schreiben

Ich schreibe, seit ich schreiben gelernt habe. Als Kind schrieb ich Geschichten, Briefe und Tagebuch. Dann schrieb ich lange nichts. Nach dem Tod meines Vaters hatte ich irgendwie “vergessen”, was meine wahre Berufung ist. Schreiben und reisen. Da haben wir es wieder, das Halbtagspilgern. Später, als Unternehmerin, riet mir mein erster Coach dazu, ein “Erfolgstagebuch” zu führen. Ich hatte meiner Meinung nach rein gar nichts, was ich da hätte rein schreiben können. Und doch wurde das erste Buch voll. Zunächst mit Klagen und Beschwerden über die Anderen. Nach und nach dämmerte mir, dass ich mich wohl in Achtsamkeit üben und an mir arbeiten müsste.

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Ich schrieb und arbeitete an mir. Bis heute schreibe ich Tagebuch. Fast jeden Tag. Nach dem Pilgern und der Meditation schreibe ich. Etwa 20 Minuten, von Hand in mein Tagebuch. Je nach Tagesform schreibe ich frei, was mir in den Sinn kommt oder ich beantworte Fragen wie: Wer will ich heute sein? Bin ich in meiner Kraft? Wofür bin ich heute dankbar?” Das hilft mir. Denn schreibend strukturiere ich meine Gedanken. Nach dem Schreiben bin ich erfrischt, klar und froh. Danach gehe ich als Halbtagspilgerin an meine Arbeit.

Schreiben ist Achtsamkeit auf Papier – Jana Wieduwilt

Über die Gastautorin Jana
Jana Wieduwilt ist Unternehmerin, hat eine Kommunikationsagentur und macht dort Marketing für ihre Kunden. Weil sie nicht mehr Getriebensein  sondern jeden Tag achtsam sein wollte, brachte sie vom Jakobsweg aus Spanien die Idee des Halbtagspilgerns mit. Sie ist entspannt, im Beruf deutlich effektiver als vorher. Sie ist Buchautorin des Warum-Finders – Was willst du wirklich? Ihre Leidenschaft zum Schreiben lebt sie aus, indem sie über ihre Halbtagspilgertouren berichtet auf ihrem Blog www.halbtagspilgern.de


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